Am Donnerstag, dem 18. Dezember 1975, behinderte starkes Schneetreiben den Straßenverkehr. Auf der Baustelle des Weser-Krankenhauses wurden einige weitere Leuchten angeliefert. Der LKW der
Spedition konnte nicht weit genug heranfahren, weil er sich sonst in der Matschwüste festgefahren hätte. Darum hasteten die Elektriker der Firma Hannen durch das dichte Schneetreiben und konnten fast die Hand vor Augen nicht sehen. Sie
schleppten die Beleuchtungskörper in den Heizungskeller. Diesmal waren es fast 30 Lampen für die Lebensmittellagerräume. Aber es fehlten weiterhin viele Leuchten. "Das kommt alles Stückweise", rief Ewald Grühn gegen den heulenden
Wind an. "Da können wir noch froh sein, dass wir nicht die Einzelteile nach und nach bekommen..." Oberbauleiter Julius Dickeldies machte mit dem Bauleiter Günter Perk eine Baubegehung. Begleitet wurden sie vom Bauleiter des
Staatshochbauamtes Oskar Scheltbinder. Sie standen im großen Speisesaal und sahen sich um. "Da hinten kommt Herr Hannen mit Herrn Zeischer", sagte Scheltbinder, der sichtlich nervös war. Die Männer begrüßten sich kurz und kalt.
"Wann geht denn das hier nun endlich weiter?", fragte Dickeldies grob. "Nächste Woche ist Weihnachten!" Er sah Hannen böse an. "Wenn das so weiter geht, dann gibt es vor Weihnachten noch
einen riesengroßen Knall", gab Hannen laut und ärgerlich zurück. "Was soll das heißen, Herr Hannen?", fragte Dickeldies. "In unseren Vorbemerkungen wurde uns ein abgeschlossener Raum für die Leuchten
zugesichert. Statt dessen mussten wir schon dreimal umziehen und immer wieder alles umpacken. Davon werden die Lampen auch nicht besser!", wetterte Heinz Hannen und dachte daran, dass er für etwa 3.000 Mark die Verantwortung für die
Beleuchtungskörper übernahm und vielleicht sogar für Schäden aufkommen musste. "Jetzt liegt der Kram in einer Butze neben den Sanitärpumpen. Für den Raum haben aber viele einen Schlüssel. Ich komme gerade von dort, weil meine Leute heute
schon wieder eine Nachlieferung einlagern müssen." Er lief aufgebracht durch den großen Raum, wo an der Decke noch viele großen Leuchten montiert werden mussten, die aber noch nicht geliefert waren. "Als die Lampen in der Heizung
lagen, wurde schon so viel gestohlen und zerschlagen. Jetzt hat da wieder einer gewütet!" "Was bedeutet das?", fragte Scheltbinder ängstlich und erschrocken. "Schon wieder welche weg?"
"Und haufenweise kaputt", antwortete Zeischer ruhig. "So viel kann Siemens gar nicht nachliefern!", rief Hannen wütend. "Und ich soll mit meiner kleinen Risikoprämie dafür haften." Er drehte sich abrupt um und
sah Dickeldies und Perk entschlossen an. "Nein, meine Herren! Ich berufe mich jetzt auch mal auf den Text in den Vorbemerkungen!" "Es muss doch ein abschließbarer Raum zu finden sein, zu dem nur die Firma Hannen
einen Schlüssel hat!", rief Dickeldies, dem es bei seiner Meinung weniger um das Verständnis für den Elektromeister Heinz Hannen, sondern um die ungehinderte Fertigstellung des Bauvorhabens ging. Er sah Scheltbinder fragend an.
"Das ist jetzt schwer", versuchte Scheltbinder ruhig zu erklären. "Der Nutzer zieht nach und nach ein und lagert schon überall Sachen. Es gibt kaum noch freie Räume, und die ganzen Handwerker haben doch Schlüssel."
Dickeldies überhörte die Entschuldigung und sah wieder Hannen an. "Wann montieren Sie die letzten Lampen?" "Siemens liefert nichts mehr", antwortete Hannen kühl. "Die haben ab Montag Betriebsferien,
Weihnachtsurlaub!" "Das ist ja wohl ein Ding!", rief Dickeldies laut und ungehalten. "Ich komme gerade aus dem Staatshochbauamt", sprach Hannen ruhig weiter. "Herr Fleck hat noch einmal mit dem
Sachbearbeiter bei Siemens gesprochen. Es geht hauptsächlich um die Lampen für diesen Essraum." Er sah nach oben an die kahle Decke und dachte daran, dass es jetzt am Tag durch die großen Fenster einigermaßen hell im Raum war. "Die
anderen sind nicht so schlimm." "Hier wird ab dem 2. Januar Essen gekocht, und hier essen viele Leute!", schrie Dickeldies mit schriller, hoher Stimme. "Sollen die im Dunkeln sitzen?" "Das ist
nicht unser Verschulden!", erwiderte Hannen kalt. "Wir schalten heute und morgen die ganze Anlage durch, soweit das überhaupt geht, denn die Firma Schaddel hat noch nichts für das Tableau und die Zusammenschaltung in den anderen
Trakten getan..." Dickeldies überhörte das. "Und was machen Sie dann?" "Wenn noch etwas ist, machen wir das fertig, sonst ziehen wir erst mal ab. Wir können ja erst im Januar die restlichen Lampen anbauen. Dann
übergeben wir auch die Anlage an den Nutzer." "Das gibt eine Katastrophe!", schrie Dickeldies wie von Sinnen und ging einfach weiter.
"Herr Findermann, gut, dass ich Sie hier antreffe", sagte Heinrich Fleck, der am Freitag Vormittag, dem 19. Dezember 1975 auf der Baustelle des Weser-Krankenhauses war. "Ich bin mal durch die Räume gegangen. Herr Dickeldies hat
mich angerufen und wünscht noch eine Abnahme vor Weihnachten. Ich wollte das nächsten Dienstag, also am Tag vor Heiligabend machen..." Er paffte eine Rauchwolke in die kalte Luft und sah Holger Findermann ernst an. "Aber daraus wird
nichts, denn in den Duschen müssen Feuchtraumsteckdosen installiert werden." Findermann horchte auf. "Die wurden uns aber nicht angegeben und in den Zeichnungen sind auch nur ganz normale Unterputzsteckdosen
eingezeichnet." Er dachte daran, dass der Elektrosachbearbeiter Fleck wohl zum ersten Mal auf der Baustelle war. "Die sind doch weit genug von der Dusche entfernt. Außerdem sind die Steckdosen da sowieso überflüssig!"
"Die müssen raus!", rief Fleck zitternd. "Das geht nicht so einfach", begann Findermann und fand die Situation fast belustigend. "Wir können in die Schalterdosen keine Feuchtraumsteckdosen einbauen."
"Das weiß ich! Dann setzen Sie andere Dosen!" "Wie sollen wir das bei den Fliesen machen?", fragte Findermann. "Stemmen Sie das sauber aus, nehmen Sie Schnellbeton und setzen Sie andere
Unterputzdosen ein." "Und die Abnahme?", fragte Findermann schwach. "Fällt natürlich aus!", blies Fleck eine dicke Rauchwolke aus. "Ich rufe gleich Herrn Dickeldies an und informiere ihn!"
"Und wann sollen wir die Steckdosen ändern?" "Das muss zwischen Weihnachten und Neujahr fertig", antwortete Fleck fast trotzig. "Anfang Januar wird alles in Betrieb genommen!" "Dann muss ich
erst mal Monteure suchen, die zwischen den Festtagen arbeiten wollen", sagte Findermann traurig. Er überlegte, ob er Fleck auf diese weiteren Mehrkosten ansprechen sollte, entschied sich dann aber dazu, es nicht zu tun. Er war nicht
einmal sehr ärgerlich, sondern nur enttäuscht, dass kurz vor der Übergabe an den Nutzer der verantwortliche Sachbearbeiter erstmals auf der Baustelle erschien und Mängel feststellte, die schon in der Ausschreibungsphase hätten verhindert
werden können.
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